Carl von Linné — Der Name, der zählt

Ein Schwede, der die Natur in Sprache brachte

 Carl von Linné, von Alexander Roslin
Carl von Linné, von Alexander Roslin

Es gibt Momente im Wald, in denen man nach einem Namen sucht. Nicht um zu benennen, was man sieht — das Sehen gelingt auch ohne Worte —, sondern um dasselbe mit anderen teilen zu können. Um zu sagen: Diese Pflanze, dieser Käfer, dieser Baum, nicht ein anderer. Carl von Linné hat dafür eine Sprache geschaffen, die bis heute gilt.

 

Der schwedische Naturforscher Carl Linnaeus, geadelt als Carl von Linné (1707–1778), entwickelte mit seinem Werk Systema Naturae ein System zur Benennung aller lebenden Organismen, das so schlicht wie wirkungsvoll ist: Jede Art trägt zwei Namen, einen für die Gattung, einen für die Art selbst.

 

Quercus robur — die Stieleiche. Fagus sylvatica — die Rotbuche. Acer pseudoplatanus — der Bergahorn, der sich auf meiner Fläche am Schöhsee in den letzten Jahren so beharrlich zwischen den Eichen ansamt, dass er zum stillen Protagonist des Bestandes geworden ist.

 

 

Zwei lateinische Wörter. Unveränderlich, sprachübergreifend, eindeutig.

Warum Eindeutigkeit kein akademisches Problem ist

Man könnte meinen, das sei eine Frage für Systematiker, nicht für Waldbesitzer oder Naturbeobachter. Aber das Gegenteil ist wahr. Überall dort, wo Biodiversität erfasst, verglichen oder geschützt werden soll, beginnt die Arbeit mit dem Namen.

 

Die Rote Liste Schleswig-Holsteins etwa — das Dokument, das bestimmt, welche Arten als gefährdet gelten und welchen Schutzmaßnahmen damit Gewicht bekommen — ist nach wissenschaftlichen Artnamen gegliedert. Die Ringelnatter, die ich gelegentlich im feuchten Randbereich meines Waldes am Schöhsee antreffe, heißt dort Natrix natrix. Nicht „Wasserschlange", nicht „Ringelotter" — beides wären regional variierende Volksnamen, die je nach Kontext andere Tiere meinen könnten. Natrix natrix hingegen ist eindeutig, weltweit, auch im schwedischen Original von 1758, das Linné selbst verfasst hat.

 

Ohne dieses gemeinsame Vokabular wäre Biodiversitätsdokumentation vergleichbar mit einem Gespräch, in dem zwei Menschen dasselbe Wort benutzen und verschiedene Dinge meinen. Monitoring, Schutzgebietsplanung, Artenhilfsprogramme — sie alle setzen voraus, dass wir wissen, worüber wir reden.

Die binäre Nomenklatur als Werkzeug der Ökologie

Linné hat nicht nur Ordnung in die Vielfalt gebracht. Er hat eine Infrastruktur für das Nachdenken über Arten geschaffen.

 

Der Kleiber, den ich regelmäßig an den alten Eichen meines Bestandes beobachte, trägt den Namen Sitta europaea. Dieser Name verweist auf die Gattung Sitta — eine Gruppe von Baumläufervögeln mit ähnlicher Ökologie und Morphologie, die weltweit gut dreißig Arten umfasst. Wer weiß, dass Sitta europaea an Totholz und alten Bäumen mit rauer Borke gebunden ist, kann dieses Wissen aus Studien aus Süddeutschland, Skandinavien oder Polen direkt auf den Schöhsee-Bestand beziehen — weil alle dieselbe Art meinen.

 

Genau das macht das Linné'sche System für die Ökologie so wertvoll: Es erlaubt den Wissenstransfer über Sprach- und Staatsgrenzen hinweg. Biodiversitätsdaten aus einem finnischen Forschungsprojekt zur Habitatbindung von Höhlenbrütern können mit Beobachtungen aus Schleswig-Holstein verglichen werden, weil Sitta europaea überall Sitta europaea ist.

Autornamen und das Gedächtnis der Taxonomie

Ein Detail, das im Alltag kaum auffällt, aber Beachtung verdient: Hinter vielen wissenschaftlichen Artnamen steht in Klammern oder ohne Klammern ein Autorenname — oft schlicht „L." für Linné. Fagus sylvatica L. Quercus robur L. Betula pendula Roth.

 

Dieses „L." bedeutet: Linné selbst hat diese Art erstbeschrieben, ihr diesen Namen gegeben und ihn in einer seiner Publikationen gültig verankert. Es ist eine Art wissenschaftliches Zitatrecht. Wer später dieselbe Art unter einem anderen Namen beschreibt — was durchaus vorkam und vorkommt —, verliert den Streit um den Namen meistens: Das Prioritätsprinzip der internationalen Nomenklaturregeln besagt, dass der älteste gültig veröffentlichte Name gilt. Linné, der früh und viel publizierte, hat deshalb für Hunderte von Arten das letzte Wort.

 

Auf meiner Waldfläche am Schöhsee sind es vor allem diese drei: Quercus rubra — die Roteiche, die den Bestand aktuell dominiert und deren Anteil ich langfristig zurückdrängen möchte. Acer pseudoplatanus — der Berg-Ahorn, der sich als Naturverjüngung unter den Roteichen verbreitet hat.  Und Fagus sylvatica, die Rotbuche, die ich behutsam fördere, wo immer sie aufkommt. Drei Namen, drei Geschichten, alle verankert in einem System, das ein Schwede im 18. Jahrhundert entworfen hat.

Was Linné nicht leisten konnte — und was das für heute bedeutet

Linné hat die Natur in Schubladen geordnet. Das ist sein Verdienst — und zugleich die Grenze seines Ansatzes. Sein System war ursprünglich nicht evolutionär gedacht; er glaubte an die Unveränderlichkeit der Arten. Dass dieselbe Infrastruktur heute für ein Denken genutzt wird, das auf Darwin und der Evolutionstheorie aufbaut, ist eine der interessanten Ironien der Wissenschaftsgeschichte.

 

Für die Biodiversitätsdokumentation bedeutet das: Der Name ist ein Werkzeug, kein Naturgesetz. Taxonomische Revisionen kommen vor. Arten werden zusammengelegt, aufgespalten, umbenannt — immer dann, wenn genetische oder morphologische Erkenntnisse es erfordern. Die Ringelnatter etwa wurde 2017 in zwei Arten aufgeteilt: Natrix natrix im engeren Sinne und Natrix helvetica, die Barrenringelnatter, die in Mitteleuropa weiter verbreitet ist als lange angenommen. Für Schleswig-Holstein gilt seitdem Natrix natrix als die relevante Art — aber wer ältere Literatur liest, muss das im Kopf behalten.

 

Das System ist lebendig. Linné hat den Rahmen gebaut; was darin steht, verändert sich mit dem Wissen.

Artenkenntnis als Grundlage des Schutzes

Es gibt eine Diskussion, die in der Naturschutzpraxis immer wieder geführt wird: Brauchen wir noch Artenkenner, in einer Zeit, in der Apps Pflanzen per Foto bestimmen und Datenbanken Verbreitungskarten in Echtzeit liefern?

 

Die Frage setzt einen Gegensatz voraus, der so nicht existiert. Auf Plattformen wie Observation.org arbeiten beide zusammen: Die KI macht einen Bestimmungsvorschlag, erfahrene Artenkenner prüfen unsichere Funde und bestätigen oder korrigieren. Kein Algorithmus ersetzt dabei das Urteil von jemandem, der Natrix natrix im Feld kennt — in Bewegung, im Licht, im Kontext. Und umgekehrt erreichen Apps ein Publikum, das ohne digitale Einstiegshilfe nie zum Artenkenner würde. Beides braucht das andere.