Wer im Juni an einer alten Linde steht, hört sie vor er sie sieht: ein gleichmäßiges Summen aus der Krone, das an warmen Tagen ganze Waldränder erfüllt. Was Hunderte von Insekten dort zusammenzieht, ist Nektar — ein zuckerhaltiges Sekret, das Pflanzen gezielt produzieren, um Tiere als Bestäubungshelfer zu gewinnen. Kaum ein biochemischer Vorgang im Wald ist ökologisch so folgenreich wie dieser stille Tauschhandel.
Nektar ist eine zuckerreiche Flüssigkeit, die von Pflanzen in spezialisierten Drüsen — den Nektarien — gebildet wird. Er besteht überwiegend aus gelösten Zuckern (Saccharose, Glucose, Fructose) in unterschiedlichen Anteilen, je nach Pflanzenart und Bestäuber. Daneben enthält Nektar Aminosäuren, Mineralstoffe, Aromastoffe und sekundäre Pflanzenstoffe — ein Gemisch, das auf den jeweiligen Bestäuber biochemisch zugeschnitten ist.
Nektarien sitzen meist tief in der Blüte, sodass der Bestäuber auf dem Weg zur Nahrung zwangsläufig Pollen aufnimmt oder abgibt. Diese Positionierung ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer langen gemeinsamen Entwicklungsgeschichte zwischen Blütenpflanzen und ihren Bestäubern.
Nicht alle Nektarien befinden sich in Blüten. Sogenannte extraflorale Nektarien — etwa an Blattstielen der Vogelkirsche — locken Ameisen an, die die Pflanze im Gegenzug vor Fraßfeinden schützen. Auch das ist Nektar als ökologische Währung, nur in einer anderen Transaktion.
Nektar ist Teil einer evolutionären Strategie: Pflanzen investieren Energie, um Tiere anzulocken — Tiere übernehmen im Gegenzug die Bestäubung. Ein klassisches Beispiel für Wechselwirkungen im Ökosystem, das Millionen von Jahren lang verfeinert wurde.
Das lohnt sich vor allem dort, wo die Pollendichte im Luftraum gering ist — im dichten Unterwuchs eines Waldes etwa, oder an geschützten Waldrandlagen, wo Windströmungen schwach und unberechenbar sind. Windbestäubte Bäume wie Buche oder Birke sparen diese Investition — sie setzen auf Masse statt auf gezielte Vermittlung.
Nektar und Pollen erfüllen für Insekten unterschiedliche Aufgaben, ergänzen sich aber zu einem untrennbaren Paar: Nektar liefert vor allem Energie — der Zuckergehalt treibt den Flugmuskel an. Pollen hingegen liefert Eiweiß — für Larvenaufzucht und Körperaufbau.
Viele Wildbienenarten sind deshalb auf beide Ressourcen gleichzeitig angewiesen und besuchen gezielt Pflanzen, die beides bieten. Nektar ist das Lockmittel, das aktiv angeboten wird; Pollen die Fortpflanzungseinheit, die dabei passiv übertragen wird. Wer im Wald Nektarquellen fördert, fördert damit automatisch auch die Pollenversorgung der Bestäuber — und umgekehrt.
Im Wald sind es vor allem Wildbienen, Hummeln, Schwebfliegen und Schmetterlinge, die Nektar als Hauptenergielieferant nutzen. Aber auch Ameisen und verschiedene Käferarten besuchen zugängliche Nektarien — besonders extraflorale, die keine spezialisierten Mundwerkzeuge erfordern.
Vögel spielen in Mitteleuropa als Nektarnutzer kaum eine Rolle, anders als in tropischen Regionen. Der Wald am Schöhsee ist insoweit ein reines Insektensystem — und damit besonders abhängig von einer stabilen, saisonal gestaffelten Nektarversorgung.
Was Bienen aus Nektar machen, ist bekannt: Sie konzentrieren ihn, reichern ihn mit Enzymen an und lagern ihn als Honig ein. Waldhonig enthält neben Blütennektar auch Honigtau — ein zuckerhaltiges Ausscheidungsprodukt von Blattläusen auf Fichten, Kiefern und Laubbäumen. Beide Quellen sind im Wald am Schöhsee vertreten.
Für Imkerinnen und Imker, die ihre Völker in Waldnähe aufstellen, macht die Artenzusammensetzung des Waldes einen spürbaren Unterschied: Ein strukturreicher Mischwald mit Linde, Weide, Kirsche und blühender Strauchschicht liefert ein gestaffeltes Nektarangebot von Februar bis Juli.

Der Nektarfluss im Laubwald folgt demselben saisonalen Rhythmus wie der Pollenflug — aber mit anderen Schlüsselarten.
Februar bis April gehört den Weiden. Salweide, Silberweide und Trauerweide sind am Ufer des Schöhsees unter den ersten Nektarquellen des Jahres — oft noch bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Für Hummelköniginnen und frühe Wildbienen, die nach der Winterruhe dringend Energie benötigen, sind blühende Weiden buchstäblich überlebenswichtig. Der Haselstrauch am Waldrand bietet zur selben Zeit erste Pollenmengen, jedoch kaum Nektar — die Versorgung mit Energie und Eiweiß liegt hier auf verschiedene Arten verteilt.
April und Mai bringen die erste Nektarvielfalt: Vogelkirsche, Rote Heckenkirsche, Steinweichsel und Eberesche blühen in der Strauchschicht und an Waldrändern. Zeitgleich erblühen die Geophyten im Unterwuchs — Bärlauch und Buschwindröschen bieten auf Bodenniveau erste Nektarquellen für kleinere Insekten. Wer in dieser Phase durch den Wald am Schöhsee geht, erkennt die Bedeutung strukturreicher Waldränder unmittelbar: Die Blütenmasse an Übergangszonen zwischen Wald und offenem Gelände übertrifft das Bestandsinnere um ein Vielfaches.
Juni ist der Höhepunkt: Die Winterlinde blüht. Kaum eine heimische Baumart erzeugt so konzentriert Nektar über einen kurzen Zeitraum. Ihr Duft ist weithin wahrnehmbar, ihr Besucheraufkommen an warmen Tagen außergewöhnlich. Hartriegel, Schwarzer Holunder und Faulbaum ergänzen das Angebot in der Strauchschicht und verlängern die Hauptnektarphase bis in den Juli.
Sommer und Herbst — der Nektarfluss lässt nach. Lichtungen, Waldränder und Geophyten-reiche Unterwuchszonen haben ihre Blütezeit hinter sich. Was jetzt noch Nektar bietet — Disteln, Wasserdost, Efeu im September — sind Spezialisten, auf die spät fliegende Insektenarten angewiesen sind. Der Klimawandel verschiebt diese Blühzeiten messbar: Frühjahrsblüher starten früher, manche Sommerblüher verlängern ihre Saison — was einerseits neue Nektarfenster öffnet, andererseits bewährte Synchronisierungen zwischen Pflanze und Bestäuber aus dem Takt bringen kann.
Alte Bäume produzieren nicht nur mehr Pollen als junge — sie liefern auch mehr Nektar. Eine altgewachsene Winterlinde mit ausladender Krone trägt eine Blütenmasse, die eine junge Linde im Stangenholzalter um das Zehnfache übertrifft. Ihr Nektarangebot ist entsprechend größer, zeitlich länger gestreckt und für eine größere Zahl von Insektenarten zugänglich — weil die Blüten über verschiedene Kronenhöhen verteilt sind und unterschiedliche Fluginsekten erreichen.
Wer Habitatbäume erhält, sichert damit nicht nur Totholzbewohner und Höhlenbrüter, sondern auch einen überproportional großen Anteil der Nektarversorgung im Bestand. Das gilt besonders für alte Kirschbäume, Linden und Weiden — Arten, deren ökologischer Wert im forstlichen Denken traditionell unterschätzt wird. Monotone, gleichaltrige Bestände ohne Strauchschicht und ohne Altbäume bieten dagegen einen Bruchteil des Nektarangebots eines strukturreichen Mischwaldes.
Nektar ist im forstlichen Denken kein klassischer Ertragswert — und wird deshalb bei Pflegeeingriffen oft nicht berücksichtigt. Dabei sprechen ökologische Gründe klar dafür, Nektarquellen im Bestand aktiv zu erhalten.
Mehr Bestäuber bedeutet mehr bestäubte Blüten, mehr Samen, mehr Nahrung für Tiere — und langfristig mehr natürliche Verjüngung im Wald. Biodiversität und Waldstabilität hängen direkt von dieser Kette ab. Konkret für den Wald am Schöhsee heißt das: